

BASIN:
Atemlos
Modern Dance Turkey Ankara begeistern mit rasanter Geschwindigkeit, viel Gefühl und sehnsuchtsvollen Bildern
Giulia Mafalda Gendolla, 22. Juni 2008, 9:43 Uhr
Die große weiße Bühne blendet beinahe. Auf dem Boden drei Quadrate, auf jedem eine Frau. Die Musik setzt ein, die Körper zittern, beben und ein energiegeladener Tanz ohne Atempause beginnt. Sie scheinen verzweifelt, wälzen sich auf dem Boden, schmeißen sich hin, wie einer Ohnmacht nahe, springen wieder auf, ihre Haare wehen. Man ist von dieser Hektik, dieser fordernden Musik mitgerissen. Das erste Stück des Abends Ani Toplayicisi (Der Sammler von Momenten) in der Choreographie von Devrim İleri lässt einem keine Ruhe, man wird von der wahnwitzigen Geschwindigkeit der Tänzer überrollt.
Dargestellt wird das Leben einer türkischen Frau, ihre Konflikte mit Männern und anderen Frauen und wohl auch mit dem Leben an sich. Mal begegnen sich die Gruppen und Paare aggressiv, feindselig, mal sind sie voneinander angezogen, stützen sich und jegliche Rivalität scheint vergessen. Männer werden getauscht, die Frauen rennen ihnen hinterher oder halten sie sprichwörtlich an der Leine.
Dann kommen Koffer ins Spiel, werden herumgeschleudert, weggegeben, wiedergeholt und in die geschmeidigen Bewegungen der Tänzer einbezogen. Symbolisieren sie den Wunsch nach Flucht, nach Ausbruch? Ein Koffer voller Hoffnung? Rastlosigkeit? Vielleicht aber auch ein Gefühl der Heimatlosigkeit und Desorientierung.
Das simple Bühnenbild wird verändert, zwei Matratzen kommen auf die Bühne, sorgfältig beziehen die Frauen sie, fügen sich ein in eine klassische Geschlechterrolle. Als zwei Männer auftreten, ist kaum Zärtlichkeit zwischen den Tanzenden sichtbar, nur Kampf, die Angst allein zu bleiben und die Unfähigkeit, sich zu entscheiden. Die nun orientalisch angehauchte Musik wird fast frenetisch, bis sie ihren Höhepunkt erreicht und eine Frau allein auf der Bühne zurückbleibt. Erschöpft liegt sie auf der Matratze, dann wird auf die hintere Wand ein ähnliches Bild projiziert. Die Frau in der Projektion fängt an zu zucken, man ist an den Anfang des Stücks erinnert. Dann bäumt sie sich wie im Alptraum auf, ihre Bewegungen sind krampfartig und scheinen schmerzhaft. Schließlich sinkt sie zurück, das Licht geht aus.
Im zweiten Teil Yürüyoruz Ama Belki Biraz Vals Yapariz (Wir spazieren, vielleicht tanzen wir ein bisschen Walzer) ist das Bühnenbild ähnlich karg. Im Mittelpunkt eine Bank, vier Frauen tanzen und sitzen darauf. Sie trinken zusammen Kaffee, bilden eine geschlossene Gruppe. Ihre Röcke sind gleichfarbig und sie bewegen sich synchron zur sphärischen Musik. Außen vor eine Frau, die nicht zu wissen scheint, wohin sie gehört. Sie ist hin und her gerissen zwischen einem Mann, der versucht, sie zu vereinnahmen, sie aber auch schützt und behütet, und der Frauengruppe. Bis zum Schluss löst sich dieser Konflikt nicht. Die immer wilder werdende Musik hat sich nun beruhigt und ist melancholisch. So trifft es den Zuschauer unerwartet, dass es plötzlich Tassen von oben regnet. Sie fallen und zerbrechen mit lautem Getöse in einer Glaskiste. Ein Symbol für Frustration, erklärt die Choreographin Bürge Öztürk im Publikumsgespräch am Ende des Abends.
Bağimli (Süchtig), so der Titel der letzten Choreographie von Alpaslan Karaduman, ist schwieriger zu verstehen. Die von den Tänzern kreierten Bilder sind wie Kunstwerke, jedes einzelne eine Betrachtung wert. Eines dieser verstörenden Bilder ist eine Frau, die erst mit faltbaren Schuhschränken an den Armen die Bühne überquert und später mit verdecktem Gesicht wieder auftaucht. Ihre langen dunklen Haare vor den Augen hängend, scheint sie blind und windet sich wie ein Käfer, der auf dem Rücken liegt, am Boden. Eine andere Frau berührt und schikaniert sie. Der einzige Mann in diesem Stück, der Choreograph selbst, scheint ebenso verzweifelt wie das Opfer. Er greift sich ins Gesicht, zieht an seinen Wangen und kniet beinahe flehend am Boden. Seine Partnerin, die dritte Frau auf der Bühne, betrachtet er nicht mehr. Schließlich sperrt die »Schrankfrau« die Tanzenden in einen hohen Glaskasten, der vorher mit Watte gefüllt war. Die Bühne ist weiß vor Watte, man möchte sich hineinlegen und ist an Himmels- und Paradiesbilder erinnert. Der Text der Musik, die gleichzeitig läuft, wiederholt das Wort »Death«. Schließlich sind alle im Kasten eingesperrt, er beschlägt und sie rufen um Hilfe, doch keiner hört sie.
Man bleibt tief beeindruckt und nachdenklich zurück, vielleicht ein wenig schockiert von diesen extremen Emotionen. Modern Dance Turkey Ankara ist an die Staatssoper Ankara angegliedert und arbeitet seit 13 Jahren mit türkischen sowie internationalen Choreographen zusammen und kann sich auch im internationalen Vergleich sehr gut behaupten – das beweist dieser Abend.
Ani Toplayicisi (Der Sammler von Momenten) / Yürüyoruz Ama Belki Biraz Vals Yapariz (Wir spazieren, vielleicht tanzen wir ein bißchen Walzer) / Bağimli (Süchtig). Modern Dance Turkey Ankara. Theater Bonn – Halle Beuel B. Choreographie und Inszenierung: Devrim İleri / Bürge Öztürk / Alpaslan Karaduman. Uraufführung / Uraufführung / Deutschland-Premiere.
(22. Juni 2008)
Bonn, 21.06.2008
Tanz zwischen allen Fronten
Werke von „Modern Dance Turkey“ auf Bonns Biennale
Größer hätte der Kontrast nicht sein können. Im Publikum eine junge islamische Frau im Kopftuch, auf der Bühne fünf türkische Tänzerinnen nur mit Slip und Top bekleidet. Doch die Suche einer Gesellschaft nach ihrem Weg zwischen Tradition und Moderne fand auch auf der Bühne statt. Das Ensemble von Modern Dance Turkey, 1992 gegründet, war mit drei Tanzstücken aus Ankara angereist, die sich thematisch genau mit diesem kulturellen Zwiespalt beschäftigen.
„Süchtig“, so betitelt Alpaslan Karadum sein Tanztheater und meint damit den oberflächlichen Life Style. Er thematisiert den Wandel des traditionellen Frauenbildes in der Türkei. Schöne tänzerische Bilder findet er dafür, etwa wenn die Frauen vom Schwung ihrer Drehungen immer wieder umgeworfen werden, hart auf dem Boden und damit in der Realität ankommen. Verunsicherung pur liegt im Bild der tastenden Tänzerin, deren langes Haar vollständig den Kopf bedeckt und damit „verschleiert“. Ausdrucksstark auch der Schluss, wenn die Tänzerinnen im Glaskäfig eingesperrt sind: Sie können alles um sich herum wahrnehmen, doch selbst beteiligt sind sie daran nicht. Das ist starkes Tanztheater voll Symbolik und Metaphern, das beim Bonner Publikum sehr gut ankommt.
Das Frauenbild ist auch Thema in Bürge Öztürks Choreografie „Wir spazieren, vielleicht tanzen wir ein bisschen Walzer“. Schöne Soli auf klassischer Basis zeigen eine selbstbewusste Frau, die den Mann nur noch als Dreh- und Hebehilfe braucht. Ihr Standbein fest auf dem Boden, fliegt das Spielbein in alle Richtungen. An Pina Bausch erinnern Tanzreihungen mit Teetassen. Hier stehen sie für Konvention und soziale Zugehörigkeit. Und wenn am Ende Hunderte davon scheppernd zerplatzen, hofft die Choreografin damit wohl auf den Bruch der Konventionen.
„Der Sammler von Momenten“ meint ebenfalls die Frauen. In Devrim Ileris sehr tänzerisch angelegtem Stück scheinen sie mit ihren Koffern in der Hand auf dem Weg nach Europa, so rufen sie sich jedenfalls zu. Und wenn die traditionellen Klänge zu einer Synthezisermusik wechseln, glaubt man ihnen das sofort.
Mutig greift Modern Dance Turkey aktuelle Themen auf. Stilistisch bewegen sie sich zwischen Tanztheater, klassischer Tanzbasis und purem Tanz, sie nehmen Anleihen bei der Kontaktimprovisation des Amerikaners Steve Paxton und beim Minimal Dance mit seinen endlosen Wiederholungen. Es ist ein kraftvoller, sehr dynamischer und damit zuversichtlich wirkender Tanz, der zu einem Land im Wandel gut passt.
Autor: Klaus Keil
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